Reviews

THE RATCHETS: FIRST LIGHT (Pirates Press)
Die Oberflächlichkeit ist ein Hund – zuerst die Platte als Downloadcode bekommen, nebenbei angehört und gedacht „naja, geht so“. Beim Coversong des 77er-Stampfer „2-4-6- Motorway“ von TOM ROBINSON kurz gedacht, wieso sich THE RATCHETS nicht über seinen anderen Hit „Glad To Be Gay“ drübergetraut haben. Aber sonst ist nicht so viel hängengeblieben. Dann sind ein paar Tage vergangen, ich habe die Aufnahmen auf Vinyl bekommen und war erstmal vom Design angetan. „Gut, nochmal anhören – auf Platte! Und aufmerksamer“ Und plötzlich ist der Funke übergesprungen. Was ich vorher als lahmarschig und kraftlos empfunden habe, hat plötzlich doch ganz anders gewirkt. Die Dynamik von THE CLASH hat bei den Amis deutliche Spuren hinterlassen. Und so ist „First Light“ doch ein sehr griffiges Album, das ich anfangs einfach unterschätzt habe. Entspannungsmusik für wilde Punks in ruhigen Stunden.


MAGNETICS – “Coffee and sugar” LP+CD (Grover Records)
Kombiniert man die Stichwörter “Ska” und “Italien”, so fallen einem in erster Linie Skapunk-Acts wie TALCO, LOS FASTIDIOS oder die OFFENDERS ein, wobei letztere ja inzwischen quasi “eingedeutscht” sind. Weniger bekannt bzw. inzwischen vergessen dürften 3rd-Wave-Ska-Kapellen wie die gutklassigen CASINO ROYAL, die weniger aufregenden SPY EYE oder die ebenfalls nicht gerade herausragenden DOWNTOWNERS sein. Traditionell geprägter Ska ist also im Land des Stiefels nicht ganz oben auf der Agenda … . Was Oliviero Riva jetzt ändern wird. Der Mann hat neben seiner Skapunk-Band SHANDON und seinem Engagement bei dem Soul-Act OLLY RIVA & THE SOUL ROCKETS mit den MAGNETICS ein weiteres Eisen im Feuer, in dem er gekonnt oldschool-Ska mit Lovers-Rock-Spritzern anschwitzt und dabei fröhlich-tanz-kompatible mit entspannten Passagen kombiniert. Perfekt in Szene gesetzt von einer hochprofessionellen Truppe im Hintergrund und gewürzt mit Rivas ziemlich „souligen“ Organ kommt das zweite Album der Italiener schön vintage daher und erinnert an die leider offenbar klammheimlich verblichenen RATANZANAS. Ein bisschen verspielt und getrieben durch die klasse Orgel verpassen sie jedem Song einen ganz eigenen Anstrich, der ebenso fluffig wie facettenreich gestaltet ist, was besonders bei den zwei, drei ruhigeren Songs zum Tragen kommt. Eine höchst brauchbare Waffe gegen Herbst-Tristesse! Der LP liegt die CD als Bonus bei.
Und hier noch ein Aufruf an alle Chelsea’s Choice – Leser da draussen: Falls Ihr jemals mit dem Gedanken spielen solltet eine Band zu gründen, entscheidet Euch bei der Namenswahl um Gottes willen nicht für Namen wie „MAGNETICS“, denn den z.B. gibt’s schon mindestens ein Dutzend mal ….Sir Paulchen


ISOLATED: 25 YEARS STRONG (Steeltown Records)
Nachdem ich mich die letzten Wochen sehr intensiv mit der Band auseinandergesetzt hatte, war ich echt schon neugierig darauf, wie dieser Streich klingen würde. Ich finde die Entwicklung dieser deutschen HC-Band extrem ansprechend. Denn der Grundstein der Band hat sich nicht wahnsinnig geändert und die Weichen ihres heutigen Daseins haben sie sehr früh gestellt. Dafür gebührt ihnen Respekt, denn das ist das, was mich an Hardcore auch fasziniert. Die gehen einfach her und hauen Songs raus, schauen nicht nach links oder rechts. Orientieren sich nicht an irgendwelchen Trends. Das geben zwar auch andere Bands vor zu tun, aber man merkt halt spätestens bei so einem Werk wer die Sache lebt. ISOLATED haben nochmal in ihrer Liederkiste gekramt und präsentieren hier nachhaltig und wütend, dass sich auch auf deutschem Boden eine eigenständige, gesunde Szene entwickelt hat. Nicht geeignet für HC-Dudes, die am Merch-Stand 70 Euro für einen Pullover einer Metalband liegen lassen!


NAPOLEON SOLO: OPEN CHANNEL D (Pork Pie)
Sehr, sehr geil! Buster Bloodvessel von BAD MANNERS hat schon früh erkannt, was in diesen Herren steckt. Ich mag auch ihre Songs aus den 80er Jahren, die Band hat das Herz am rechten Fleck. Sie zeigt dass es selbst im schwarz-weissen Schachbrettmuster viele Facetten gibt, ein sehr abwechslungsreiches Album, das aber in sich harmonisch klingt. NAPOLEON SOLO besitzt Entspanntheit und ist zackig-frech zur gleichen Zeit. Keine militanten Ska-Fuzzis, sondern sie gehen voll aus sich heraus und schaffen so eine anziehende Atmosphäre. Die Nummern auf „Open Channel D.“ laufen wie am Schnürchen, auch wenn es manchmal etwas ruhiger zugeht, ist die Magie stets zu merken. Rude Boy Sound!!!

 


YELLOW CAP: TOO FUCKED TO GO (Pork Pie)
Mein Problem liegt in meiner ständigen Verwechslung zwischen YELLOW CAP und YELLOW UMBRELLA. Aus dem Grund bin ich mir der „schauen wir mal, was wir da hören“-Einstellung auf das Album zugegangen. Zweimal nebenbei gehört und bemerkt, dass die Songs die Aufmerksamkeit immer wieder auf sich ziehen. Spätestens bei den Passagen, wo sich der Gesang der Ladies ganz charmant aus dem Hinterhalt aufdrängt! Sehr entspannter, eher modern orientierter Ska, mit glaubhaftem Wissen, wo die Wurzeln sind. Und das dann noch aus Deutschland. Kommt anhörbar und angenehm rüber. Eine runde Sache, die mir mit den Studioaufnahmen sehr gut einfährt.

 


HOLLY GOLIGHTLY: DO THE GET ALONG (Damaged Goods)
Holly Golightly! Bezaubernde Audrey Hepburn! Ebenso bezaubernd bezirzt uns Holly Golightly Smith (ihre Eltern haben vermutlich „Frühstück bei Tiffany’s“ nicht nur einmal gesehen…) auf „Do the get along“. Das einstige HEADCOATEES-Girl hat sich über die Jahre beachtlich gemausert. Statt spröder D.I.Y.Garagen-Sperrigkeit geht es im Hause Smith jetzt sehr sanft zu, der Blick gleitet ganz weit über den Teller-Rand. Als Sparte greift hier „Easy Listening“, ein klarer Fall für die ultra-entspannte Cocktail-Stunde in der Lounge. Eine sanfte Brise umschmeichelt die Sinne, die Garagentür ist ganz fest verschlossen, der ex-Mentor Billy Childish komplett vergessen. Holly bewegt sich jetzt mit Jack White und Jim Jarmusch in einem Kosmos, liefert eine Relax-10 auf einer Skala von 1-9. Haucht, lockt, gefällt. Wenn schon „Geklimper“, dann Geklimper von Profis. Wie Holly Golightly. Paradise

 


CRIM: Pare nostre que esteu a l’infern LP/CD (Contra Records u.a.)
Bei den redaktionsintern höchst beliebten Katalanen treffen einmal mehr die wirklich phantastische Reibeisenröhre von Adrià Bertran auf die perfekt austarierten Gitarrenwände, die die Kombo meisterhaft versteht aufzuwerfen. Stilistisch kann man gegenüber den Vorgängern keine wirklich nennenswerten Unterschiede beim Namen nennen, die waren und sind einfach auf verflixt hohem Niveau unterwegs. Ihr gradliniger aber musikalisch sehr ausgefeilter Punkrock (tolle Leadgitarren!) kommt von Herzen, das ist ganz ganz weit von jeglicher Stangenware entfernt. Allen Unkenrufen – auch in meinem persönlichen Umfeld – zum Trotz empfinde ich Katalan als Sprache bestens geeignet für subkulturell gefärbte Musik im Weitesten, auch wenn unsereins logischerweise kein Wort versteht. Dafür liegen die Texte in der englischen Übersetzung vor.  Die Band bezieht ihre Einflüsse, zumindest anhand der auf Photos getragenen Bandshirts, durchaus mindestens indirekt auch aus dem Classic-Rock-Bereich (Thin Lizzy, Nazareth), das macht sich beim Songwriting mittelbar sehr positiv bemerkbar, da ist eine gewisse Leichtigkeit im Spiel und man hat nie den Eindruck, dass hier „just-another-Punkband“ am Werk ist. Tolle Band, tolle Platte! Übrigens eine sehr wertige CD-Digipak-Version, die x-fach aufklappbar daherkommt. Sir Paulchen

 


THE LADS: Counterculture LP (Contra Records)
Die Menschen in Freiburg haben’s gut: Eine wunderschöne Stadt, bestes Klima, top-Bier (Rothaus, Ganter … ), ein mehr als passabler Underdog-Kicker-Club mit einem hochsympathischen Trainer, mit „Flight 13“ einen Spitzen-Plattenladen und bundesweit fast unerreichte drei (!) Oi!-Bands. Neben den längst etablierten GEWOHNHEITSTRINKERN und den gerade aufstrebenden BRUTAL BRAVO schicken sich derzeit THE LADS an, die Republik mit ihren Klängen zu beglücken. Bereits vor zwei Jahren gab’s eine Demo-CD, jetzt aber liegt was Hochoffizielles vor.
Die LADS sind offensichtlich nicht angetreten irgendwelche Schönheitspreise einzuheimsen, einfach konstruierte In-die-Fresse-Hiebe zwischen Oi! und Streetpunk werden auf „Counterculture“ serviert, ein bisschen (gewollt) rumpelig und dabei schön bass-lastig das Ganze. Ein Album, das prima funktioniert mit dem Freundeskreis und sechs Kisten Bier am Freitagabend, keinesfalls aber am Sonntagnachmittag zu Kaffee & Kuchen. Oder anders gesagt: In gewissen Lebenslagen sind THE LADS genau das richtige, in anderen aber ganz und gar nicht.
Der leicht angepisste Unterton spiegelt sich im Übrigen in den Texten wieder, hier sind zornige Männer am Werk. Meine Favoriten sind „Bigwigs and Underlings“ und „Worker Bees“. Live funktioniert das Quartett auf einer kleinen Bühne mit direktem Publikumskontakt todsicher hervorragend (Kneipenhinterzimmer, nicht Festivalbühne mit Photograben … ).
Keine Ahnung, ob es personelle Überschneidungen mit den beiden anderen genannten Freiburg-Bands gibt (Stichwort: „Inzucht“), das lässt sich anhand der nicht vorhandenen Credits schlecht herausfinden … . Das Teil gibt’s nur als LP, das macht auch Sinn! Sir Paulchen

 


OLDFASHIONED IDEAS – Still worth fighting for LP/CD (Contra Records)
Simple kleine Streetpunk-Ohrwürmer, das ist die kurz zusammengefasste Arbeitsbeschreibung für das Schaffen der drei Schweden aus Malmö. Auf diesem ihrem aktuell 5. Album gefällt, dass sie äußerst präzise auf den Punkt kommen, denn trotz des an sich simpel gestrickten Bauplans der Songs (13 an der Zahl) haben sie tatsächlich alle den hohen Wiedererkennungswert, der sich bei solcherlei Sounds nur im Idealfall einstellt – oder einstellen sollte! Hilfreich sind da dezente Saxophon- und Trompeteneinlagen sowie weibliche Unterstützung bei den Refrains. Ihr mit Vorsprung vor anderen Platten ihrer Diskographie ausgereiftestes und ausgefeiltestes Werk, das mich offen gestanden ob seiner Güte durchaus überrascht hat. Ganz sicher kein neues Kapitel im dicken Buch der Musikgeschichte, aber sehr zu empfehlen!
Übrigens finde ich die Fortsetzung der Coverartwork-Reihe mit den recht düster anmutenden Motiven diverser subkulturell orientierten jungen Damen recht charmant. Sir Paulchen

 


DEALER´S CHOICE: TONIGHT (Laketown Records)
Endlich der erste Longplayer vom südtiroler-wienerischen Flagschiff. In der wenigen österreichischen Streetpunkbands, für die man sich nicht bis ans Ende der Welt schämen muss. Ich war bei den Aufnahmen selbst kurz dabei und schon damals zeichnete sich ab, dass das ein fetter Braten wird, der da in einem Untergeschoss aufgenommen wurde. Das ganze Ergebnis jetzt in voller Pracht auf Vinyl, hat schon was! DEALER´S CHOICE machen harten, aber sehr fairen Punk, spielen sehr offensiv und dennoch grenzen sie sich deutlich davon ab, anderen Bands stilistisch in den Arsch zu kriechen. Sehr brachiale Stimme ohne Anabolika-Peinlichkeiten und die Hits wandern durch das ganze Album. Die Songs auf Italienisch haben nochmal eine Spur mehr Kampfgeist. Die LP gibt’s in zwei Versionen, der Sound geht aber nur einen unausweichlichen Pfad. Für Freunde der anständigen Ami-Kaliber empfehle ich DEALER´S CHOICE als regionales Produkt.

 


AUTHORITY ZERO: PERSONA GRATA ( Concrete Jungle)
Ich muss sagen, dass ich mit den Ami-Melody-Punkern nie wirklich warm geworden bin. Die Band ist erfolgreich, hat auf der ganzen Welt viele Fans. Aber mich haben sie nie sonderlich bewegt. Ein Blick ins Booklet bringt zwar lesenswerte Lyrics ans Tageslicht, aber musikalisch haut mich das alles nicht um. Klingt zwar solide und gut gespielt, aber einfach zu austauschbar. Vielleicht fehlt mir der Zugang, aber es gibt Bands in dem Genre, die mich mehr bewegen. Das war auf den früheren Alben so und hat sich mit „Persona Grata“ nicht geändert. So ist das mit der Konsequenz.


JAYA THE CAT/MACSAT: Split (Ring Of Fire Records)
Oha – die Helden aus Amsterdam gehen eine temporäre Beziehung mit MACSAT ein. Und dieses Gefummel ist von Harmonie geprägt. JAYA THE CAT ergänzen sich recht gut mit den Deutschen. Ärgerlich, dass der Spuk nach 4 Songs wieder vorbei ist. Aber eine große Freude, diese Songs hören – RAMONES werden auch durch den Zitruspresse gedrückt. Feine Scheibe für feine Momente!

 


RECURRENT PAIN: A NEW BEGINNING
Tirol ist ein hartes Pflaster, die Berge – felsenfeste Basis für steinige Wege. Klar, dass da nicht unbedingt poppige Riffs entstehen, wenn ein paar Typen eine Band gründen. Dass es die Herren schon seit 2011 gibt, ist eine schmerzliche Erkenntnis. Denn sie waren mir bis dato unbekannt. Dem Design und Bandfoto nach war ich darauf vorbereitet, dass das jetzt kein Ausflug in sonniges Strandfeeling wird. Ziemlich runtergestimmte Gassenhauer, die gleich beim ersten Durchlauf ordentlich einfahren. Mir fallen auf Anhieb Parallelen zu Bands wie SHEER TERROR mit mehr Gelenkigkeit ein. Zum Glück kein Mosh-Ungeheuer, sondern Musik mit Substanz. Harter Tobak, aber gleichzeitig erleichternd. Da wird Dampf abgelassen und das auf positivem Wege.

 


MACSAT: BADABOOM (Ring Of Fire Records)
Wenn man sich die Gästeliste ansieht, stehen zwei Dinge fest: Einerseits haben MACSAT offenbar ein breites Netzwerk zu guten Leuten – denn wer Menschen wir Mark von HUDSON FALCONS genauso ins Studio bittet, wie Siggi von EISENPIMMEL, der kann nicht schlecht sein. Besonders dann, wenn man auch noch jemanden von THE MOVEMENT verpflichtet. Auf der anderen Seite ist das auch der Beweis, dass sich solche Namen sicherlich nicht mit unreflektiertem Ska-Punk Gerümpel herumplagen würden. MACSAT machen eine gelungene Reise durch Offbeat, Rock und Punk. Sie sind alt genug, um nicht dem ADHS-Syndrom zum Opfer zu fallen und nervige Hampelmann-Rhythmen loslassen müssen. Stellenweise auf Deutsch zu singen mag zwar mutig sein, klappt in diesem Fall aber sehr gut. Nach 2-3 Durchläufen überwiegt der positive Eindruck. JIMMY CLIFF hätte bestimmt nichts dagegen gehabt, wenn mal ein anderer Song von ihm gecovert worden wäre. Egal, fähige Band, deren Album jetzt in der kühleren Jahreszeit doch einen bestimmten Heizwert besitzt und gut tut!

 


ALLIANCE: AS THE CITY BURNS 7“ (Rebellion)
Back with a Dampframme! Böse, roh, gewalttätig. Mit solchen Songs hätte man im Mittelalter Stadttore zerschmettert...bulliger Aggro-Bootboy Sound made in Ontario, Canada. Nach dem Demo und der fantastischen „Evil“ 12“ nun der dritte ALLIANCE-Streich. 3 grimmige Hard hitter ohne Pardon, „One law for them“ Cover inklusive: Im Original unerreicht, in der ALLIANCE-Version gern gehört, textlich von erschreckender Zeitlosigkeit. Und die Stadt wird brennen. Paradise

 


SUEDEHEAD: CONSTANT FRANTIC MOTION (Pirates Press Records)
Wer seine Band mit so einem Namen segnet, der hat bestimmt große Pläne. Und die scheinen auch zu funktionieren – SUEDEHEAD vereinen die wichtigsten Elemente, die für den sympathischen London-Flair sorgen. Brit-poppige, soulige Ecken, dezent sichert ein paar Mal die Frechheit des Punkrocks durch. Der ganze Salat wurde dann mit fähigen Musikern und den dazu passenden Referenzen in Form gebracht. Figurbetonter England-Sound in Amerika ansässig. Das hat sogar den Mike Ness schwach gemacht und er hat die Jungs mit auf Tour genommen. Ob das ein Qualitätsmerkmal ist oder nicht, spielt an dieser Stelle keine Rolle. Denn SUEDEHEAD können alleine gehen, sie geben den Beat an. Sehr erfrischende Scheibe für Leute, die mit britischem Indie-Sound liebäugeln. Und Indie ist in diesem Fall wirklich kein Schimpfwort! Sehr starke Zusammenstellung!

 


SPLIT: SABOTAGE/NO HEART (Rebellion Records)
Hier steigen zwei Namen in den Ring, die eine Gemeinsamkeit haben: beide orientieren sie sich wenig an den gegenwärtigen Klischees der rockigen Skinheadlandschaft. SABOTAGE kommen aus Schweden und klingen auch genauso. Der Gesang in Landessprache nervt mich nach dem dritten Song schon etwas. Etwas langatmig, musikalisch aber dennoch ganz interessant, weil schwer kategorisierbar. Sehr rockig, aber nicht peinlich. Melodisch, aber eine Spur zuviel Gejaule am Mikro. Vielleicht braucht es doch etwas mehr Sonnenlicht? NO HEART sind für mich die Gewinner des Kampfes. Hier ist Mike Longshot dabei, der jetzt auch wieder in Kanada lebt – und wie bei so ziemlich jeder Band, wo er die Finger im Spiel bzw. an den Saiten hat, ist ein Highlight garantiert. Das hat Klasse und Stil, Streetrock at it´s best. Schöne Gitarrenläufe, wunderbar einladende Aggro-Stimme, die aber nicht anabolika-geschwängert ist, sondern einfach etwas Soul hat. Da Abstriche, die SABOTAGE leider auf dieser Split machen, gleichen NO HEART ehrlich aus. Darum sollte man in diese Scheibe investieren.

 


THE LADS: COUNTERCULTURE (Contra Records)
Diese Bande ist auf dem Freiburger Polizeirevier noch nicht sehr lange ein Begriff, mit ihrem ersten Streich „Counterculture“ sollten es THE LADS aber in die Liga der Aktenkunde schaffen. Die Behörden schenkten dem Demo wenig Beachtung und spielten das Geschehene als dumme Jugendsünden ab. Ein grober Irrtum, THE LADS haben weiterhin ihr Unwesen getrieben. Um den soundtechnischen Ursprung dieses Quartetts zu ergründen, muss man im großen Buch der Musik schon einige Kapitel zurückblättern. Unter dem Kapitel „Real Streetpunk“ wird man dann fündig – die Songs werden direkt aus der Hüftgegend geschossen. Die Spurensicherung erkennt keine Anzeichen von Perfektionismus, hier waren also Profis am Werk. Englische Texte, altbewährte Songstrukturen und ein bellender Straßenköter am Mikrophon, der durch seinen Gesangsstil für die Stimmung in den Liedern sorgt. Die Collage des Frontcovers ist übrigens in Kooperation mit den Ü70-Ladies des Freiburger Bastel- und Handarbeitsvereins entstanden. So etwas landet gerne in meiner Plattensammlung.

 


V/A FUCK THE TRIBUTES, HERE’S OUR NOIZE-A TRIBUTE TO OXYMORON (Contra)
THE INSANE meets ONE WAY SYSTEM made in Erlangen: Mit dieser Formel entstaubten OXYMORON seit 1992 den altehrwürdigen UK’82 Sound durch ein zeitgemäßes Update, wurden dadurch für die 90er Youngster-Generation global zum Streetpunk-Flagschiff. Während die originalen Haudegen nur als verblasste Nostalgica gespenstergleich durch die Erinnerungen waberten, sorgten OXYMORON speziell durch massive Live-Präsenz für eine Frischblut-Wiederbelebung im Zombieland. Third Generation meets Second Generation.16 Jahre nach der Auflösung nun ein Tribute Sampler, Fourth Generation meets Third Generation: LION’S LAW, DDC, HARD EVIDENCE, ARCH RIVALS, BONECRUSHER, ANGER FLARES, LEGION 76  etc. covern sich durch die OXY-Diskographie. 17 Combos, 17 Songs. Einige OXY-Klassiker erstmals muttersprachlich vorgetragen, ein nettes Wiederhören geschätzter Klänge. Kleines Manko: Sämtliche Kapellen sind aus einer Sparte, die Versionen bleiben dadurch hautnah am Original, lediglich die Stimmlage variiert. Artfremde Interpreten im Line-up, nicht unbedingt ELSTERGLANZ oder Bushido, aber vielleicht die TURBO A.C.’s, MERAUDER oder Danny Diablo, hätten vermutlich für etwas mehr Brisanz gesorgt. So bleibt nur die Feststellung: Die OXYMORON Reissue ist überfällig. Muß kommen. Auf Dauer läßt sich das Volk mit „BAD CO PROJECT spielt Oxy-Songs“ oder Tribute Samplern nicht abspeisen. Und wenn sich Sucker schon selbst covern muß (hier passiert mit „Crazy world“), ist es allerhöchste Eisenbahn. Paradise

 


SUGUS 1995 LP/CD (Monster Zero)
GROSSARTIGES Cartoon-Artwork! Optik-Pflicht mit Höchstnote absolviert. Bei der musikalischen Kür setzt die Combo aus Madrid auf klassische Standard-Tänze: Catchy RAMONES Punk’n’Roll mit SCREECHING WEASEL Melody-Turbo und Feeling Good-Modus. Album # 5 von Pepe Useless und seinen Boys mit 14 blitzsauberen Songs, überwiegend englisch betextet, NO FX-Speedy, hochmelodisch und angenehm zackig. Paradise

 


SATURDAY NIGHT KARAOKE: PROFESSIONAL GOOFBALLS LP/CD (Monster Zero)
LOOKOUT!-Pop Punk aus Indonesien. Da hat der Waschzettel schon recht. Könnte man auch glatt so stehen lassen und das Review an dieser Stelle abbrechen. Fairerweise noch einige weiterführende Details zu Band und Werk. Das Trio aus Bandung wirft auf seinem dritten Longplayer neben einem drolligen Bandnamen auch ordentlich Spielfreude in den Ring. Die üblichen Bubblegum-Verdächtigen sind auf den vorderen Plätzen im Poesie-Album: RAMONES, GROOVIE GHOULIES und diverse MUTANT POP-Artisten. Dazu feinste Female Vox (von einem Herren…), die Tonlage ist hier höher als der Everest. Süß! 12 Songs, in englisch, über „Buzzer  Rejector“ und „Venus  The  Internship  Clown“. Paradise

 


ALARMSIGNAL: ATTAQUE (Aggressive Punkproduktionen)
Die Punkband aus Celle hat überlebt! Manche sagen, die goldenen Zeiten des Deutsch-Punks wären vorbei. Ich denke, dass sich eher nur etwas Veränderung eingeschlichen hat. Die „Nix Gut“-Ära hat nicht so richtig durchgehalten, aber nichts für Ungut. ALARMSIGNAL sind auf Bereitschaft geblieben, hauen mit „Attaque“ ihr zweites Album bei „Aggropunk“ raus – und das ist ein Zeichen von Treffsicherheit. Denn dieses Label verspricht im Moment Qualität im stark abgeholzten D-Punk Dschungel. ALARMSIGNAL haben die rosarote Brille längst abgenommen, stattdessen eine gleichfarbige Sturmhaube übergezogen und behalten die Missstände im In- und Ausland kritisch im Visier. Dass man daneben nicht unbedingt unreflektierte Parolen dreschen bzw. verunglückte Töne durch den Verstärker schleudern muss, beweisen sie mit den 13 Songs. Das Album hat den einen oder anderen Hin-Hörer im Hinterhalt versteckt. Immer wieder fühlt man sich ertappt, dass hier doch so manch eingängiger Song lauert. Die Attacke ist nicht knochenhart, dennoch sollte man sie ernst nehmen. Der mahnende Finger ist bereits auf dem (rosa)roten Knopf platziert.

 


TOPNOVIL: OUT OF ORDER LP/CD (Contra Records)
Auch wenn es die Band vermutlich nicht mehr hören kann: TOPNOVIL sind die Aggro-Version von RANCID. Ganz klar. Na und? RANCID Für große Jungs. RANCID ohne Relax-Effekt. RANCID on Steroids. Und das ist verdammt gut so. Mit Tim & Co. verbindet die Aussies das große Songwriting, die stadiongreifenden Zwei-Meter-Singalongs, die ULTRA-FETTEN Bassläufe und die absolut treffsicheren Melodien. Ansonsten ist man deutlich BÖSER, wuchtiger und rabiater. Schublade auf: RANCID meets „Gotta go“-AGNOSTIC FRONT, „Nadine“ bringt Celtic-Power ins Spiel. 14 Vollgas-Streetpunk-Cracker mit beachtlichem Adrenalin-Überschuß. Paradise

 


V/A DIE GESCHICHTEN VON VOLXSTURM (Sunny Bastards)
Endlich hat dieses Projekt das Licht der Welt erblickt. Dass darin sehr viel Arbeit steckt, erkennt man schon auf den ersten Blick. Alle Beteiligten haben sich ordentlich Mühe gegeben – auch alle Bands, die hier vertreten sind. Insgesamt 25 Kapellen unter einen Hut zu bringen, sie zu motivieren, dass sie einen Song covern – das ist keine schwache Leistung. Und das Niveau der Coversongs ist durchwegs ausgezeichnet, weil es alle einen „etablierten“ Status genießen. Einerseits ihren eigenen Stil hörbar rüberbringen und dennoch die VOLXSTURM-Kante nicht vernachlässigen – so klingen gute Tribute-Sampler. Sauber zusammengestellt und bei vielen Nummern ist der Unterhaltungswert groß. BROILERS glänzen ganz besonders, auch die „nicht-deutschsprachigen“ Kollegen haben toll die Kurve gekratzt, alte Wegbegleiter und neuere Bands halten sich gut die Waage. 2-3 Kapellen fehlen mir irgendwie, aber das wird seine Gründe haben. Beachtenswert finde ich auch, dass jeder Beitrag funktioniert – es gibt viele Tribute-Sampler, wo man die erzwungene Präsenz der vertretenen Bands schon nach 10 Sekunden raus. Nicht nach 25 Jahren VOLXSTURM.