Reviews

ONLY ATTITUDE COUNTS: ALMOST THE END (WTF Records)
Wären sie aus New York, würde die Welt von einer Legende sprechen, als Wiener Band haben sie aber zumindest das Prädikat „Wöööd-Band“ verdient. OAC mit einem neuen Longplayer – schätzungsweise können sie mittlerweile auch schon eine zweistellige Diskografie vorweisen. Über 20 Jahre und - auch wenn der Titel irren könnte – kein Ende in Sicht. Tatsächlich stand eine Auflösung aber kurze Zeit auf dem Schirm. Zum Glück aber ein Fehlalarm in der Kommandozentrale: stichhaltige Riffs, präzis-angepisste Stimme – alles wie gehabt. Die einzelnen Song-Titel geben die Achse klar vor, auf der sich Mike Crucified samt Rückendeckung am wohlsten fühlt. ONLY ATTITUDE COUNTS machen lang genug Musik, um die Szene über die Grenzen hinaus mitgeprägt zu haben. Endlich einmal etwas in Zusammenhang mit Österreich ohne Bezug zu Kellern. Aber nicht so ganz, denn ONLY ATTITUDE COUNTS sind, waren und bleiben Underground. Kein 80-Euro Merchandise, keine Geometrie-Tattoos. Purer Hardcore mit deutlicher Betonung auf „Hard“ und „Core“.


JOHNNY REGGAE RUB FOUNDATION – “Trouble” LP/CD (Pork Pie)
Beim Erstling “No Bam Bam“ von vor gut 2 ½  Jahren war ich tatsächlich ein wenig enttäuscht, empfand ich das Mischungsverhältnis der Songs doch ein wenig einseitig hin zu eher getrageneren, ruhigeren Nummern. Was die Scheibe unterschied von ihren energischen Auftritten, die klar in Richtung Tanzbarkeit angelegt sind. Das ist jetzt bei „Trouble“ erfreulicherweise komplett anders: Es überwiegen die forschen Dancefloor-Stomper, die stilistisch natürlich grob im 3rd-Wave-Ska beheimatet sind, aber jederzeit ihre ganz eigene Note besitzen, die die Kölner unverkennbar macht. Da ist zum einen der männlich-weibliche Wechselgesang, der die Band-DNA prägt, aber auch ein irgendwie eigenwilliges Element, das z.B. einen Song wie „Stay united“ ungewöhnlich ausgestaltet. Das hat Charakter, das überzeugt. Das Album liefert viele Höhepunkte, von denen einer die tolle Hymne „Shut up“ ist, die schon vorab auf dem Sampler „The Spirit of Ska – 30 Years Jubilee Edition“ veröffentlicht war. Ein weiterer ist die herausragende Gesangsleistung von Organistin/Sängerin Chrissy bei der sehr gefühlvollen Ballade „Blue skies ahead“. Nachdem die RUB FOUNDATION einst als Ein-Mann-Ska-Band angefangen hatte sind sie derweil zum Quartett mutiert, denn neu an Bord ist ein fester Drummer, der das liebenswerte Fußschlagzeug von Gitarrist, Sänger  und Namensgeber Johnny ablöst. Das eröffnet sicher neue Möglichkeiten, hatte aber auch etwas angenehm Skurriles und war ein Alleinstellungsmerkmal.
„Trouble“ ist ein sehr, sehr starkes weil energiegeladenes Album geworden, das ob seiner vielen Facetten nie eintönig zu werden droht und das Frühjahr 2020 in so manchem Rudeboy-/girl – Haushalt akustisch verschönern wird. Ein großer Schritt nach vorne … .


CONCRETE BOLLOCKS – „Disasters of war“ EP (Contra Records)
Eher die Stunde der Grobmotoriker hier, der Feingeist wird explizit nicht bedient. Das Titelstück hämmert als Hardcorepunk los, bevor zwei tempomäßig eher gedrosselte aber ultra-aggressive Stücke ertönen. So in etwa als wenn frühe Black Flag (vor Henry Rollins) auf Oi! trifft. Stimmlich äußerst rabiat, spontan fällt mir Wouter von RAZORBLADE als Vergleich ein. Abschließend noch eine wiederum zackige Nummer, die weniger Potential bietet. Glaubt man dem Bild im Cover agieren hier zwei Skins und zwei Punks. Entsprechend paritätisch teilt sich das Material, die Oi!-lastigen Tracks aber gewinnen eindeutig. Die eher dilettantische Zeichnung des Coverartworks lässt eher Crustcore vermuten und abwarten, ob die Herrschaften aus Derby / GB das mit den zwei Stilen beibehalten werden … . Ich hätte im Übrigen gewettet, dass das US-Amerikaner sind, wirklich überraschend, ihre englische Herkunft. Sir Paulchen



NAGÖN – „Repulsive & deadly“ EP (Contra Records)
Aus Serbien hat man ja eher weniger Platten im Schrank (ausser RITAM NEREDA fällt mir da spontan nichts ein) und ob die ebendort wohnhaften NAGÖN diese Lücke schließen werden bleibt abzuwarten. Die ziemlich krachig / trashigen / garagigen Aufnahmen bieten 4x zackigen Pogopunk, der ganz gut losrockt aber auch nicht begeistert. Ganz solide aber ohne nachhaltige Eindrücke. Ich bin absolut kein Freund von den heutzutage üblichen Über-Produktionen mit dem Einheits- Sound aus immer denselben Maschinen von immer denselben Digitalbearbeitern (die nennen das dann „fett“), aber diese ursprünglich als Kassette veröffentlichten Songs bedürfen vielleicht dann doch noch mal eines gewissen Feinschliffs, so geht doch jeglicher Akzent irgendwie unter. Sir Paulchen


LUSH RUSH – s/t „7“ (Contra Records)
Ungewöhnliches auf Contra Records: Die 5 Damen aus Paris machen es einem nicht leicht ihr Logo zu entziffern und spielen einen irgendwo zwischen New Wave, Punk und Post-Punk angesiedelten Sound, der nicht nur stimmlich bisweilen an SIOUXSIE &THE BANSHEES erinnert. Das schön morbide Cover gibt die Richtung vor: Etwas schräg, leicht düster, Freunden von X MAL DEUTSCHLAND sollte das famos gefallen. Ein angenehmer Hauch Dilettantismus schwingt auch mit und am Ende ist es ebenso gewagt wie lobenswert, dass Contra sich aus ihrem gewohnten Rahmen herausbewegen. Wird nicht jedem gefallen, mir sehr wohl.Sir Paulchen


BROKEN HEROES / THE DETAINED Split EP (Contra Records)
US-Oi! mit viel Melodie und Wucht plus einem sehr rabiaten Sänger, das ist’s, was die BROKEN HEROES seit vielen, vielen Jahren anbieten und ihre Freunde werden hier wieder bestens bedient. Beide Tracks keinen Deut schlechter als das Zeug, das sie schon in den frühen 90ern auf Headache Records abgeliefert haben, einem der besten Labels ever übrigens. Saugut! Gegen so viel Erfahrung haben es THE DETAINED aus Berlin naturgemäß eher schwer. Dachte ich. Falsch gedacht! Die stossen in etwa ins selbe Horn: 2 gleichzeitig sehr melodische wie auch angriffslustige Tunes stehen zu Buche, die angenehm „langsam“ ihre volle Wirkung entfalten (auf ihrem Debut-Album „The Beast“ aus 2018 ging’s zügiger zu). Vielleicht sogar der heimliche Sieger, weil mit so „over-the-top“ – Material meinerseits nicht gerechnet wurde. Ein „Must-have“ für die Zielgruppe, top-Niveau! Sir Paulchen


BRUTAL BRAVO / THE LADS Split MLP (Contra Records)
Wirklich beängstigend, wie präzise sich der BRUTAL BRAVO – Sound in den wohlfrisierten Schädel fräst. Total dichter Soundteppich, Oi! war lange nicht mehr so intensiv. Alle drei Stücke sind Gewinner, der Sänger eine Macht und Freiburg damit ganz vorne. Besonders erfreulich: Auch wenn wie bei „I drink alone“ (super Songtitel!) das Tempo angezogen wird artet das nie in irgendein Geklöppel aus. Sehr alte Schule ohne schlichtes Rezitieren alter Helden. Die LP hatte ich 2018 wohlwollend besprochen, die (3) Stücke hier der B.B.-Kumpelz von THE LADS gehen in dieselbe Richtung: Sehr simple aber effektive Schienbeintritte, die keinen Innovationspreis gewinnen, aber gut fies auf die Hirse kloppen. Beim ersten Hören gefielen mir BRUTAL BRAVO klar besser (und dabei bleibt es auch), aber die LADS sind auf ihrem Terrain ebenfalls eine Macht. Pflicht-Mini-LP, echt! Sir Paulchen


THE DIVIDED – „World you’re living in” LP/CD (Contra Records)
Es ist immer so eine Sache mit den Erwartungen: Manchmal verselbstständigen sie sich, wachsen und gedeihen und können schlussendlich gar nicht mehr erfüllt werden. Als zu hören war, dass Raybo, der ewige „Mister-mal-ist-er-wieder-bei-BONECRUSHER-mal-ist-er-wieder-nicht-mehr-dabei“ Sänger mit dem ebenso rauhbeinigen wie melodiösen Timbre ein neues Projekt am Start hat, das stilistisch seinen alten Mitstreitern nahe kommt, war in meinem Umfeld und speziell bei mir die Vorfreude riesig um nicht zu sagen gigantisch.
Nun, um es kurz zu machen: Es ist gekommen wie erhofft und noch besser! Absolut perfekt inszenierter Streetpunk mit dieser absoluten Wahnsinnsröhre, wer das nicht verehrt liest mit dem „Chelsea’s Choice“ definitiv das falsche Fachblatt. Jeder Schuß (=Song) ein Treffer, just killer no filler, mir gehen die Superlativen aus. Paradise hatte es hier ja schon angerissen: Das ist immer extrem schwer zu benennen, aber für 2019 kann es nur EIN Album des Jahres geben: THE DIVIDED. Die werden live ein Fest, ich spür’s ganz deutlich. Oberamtlicher Megahammer! Sir Paulchen


THE DROWNS: UNDER TENSION (Pirates Press)
Jetzt endlich das erste komplette Album der Amis. Das Cover sieht aus, als wäre Commodore 64 der letzte Schrei – in etwa dieser Ära sind sie musikalisch auch stehen geblieben. Das gibt einen Pluspunkt in der Gesamtbewertung. Der Sänger geht stark aus sich heraus – jedenfalls einer von ihnen, denn man dürfte sich beim Gesang abwechseln. Das verleiht eine gewisse Abwechslung, die aber in den Rahmen dieser Band passt. Sehr punkig, sehr spritzig, sehr rockig – klingt wie tausend mal gehört und trotzdem stark. Spielerisch sind sie auf einem hohen Niveau unterwegs – so simple manche Songs klingen, so viele Details hört man bei erhöhter Aufmerksamkeit heraus. Warum ein „The Harder They Come“ Coversong notwendig ist, entschließt sich meiner Kenntnis – mit dem Song kann man zwar wenig falsch machen, aber genauso wenig Neues bieten. Egal – mir fällt endlich der Vergleich ein: HUDSON FALCONS gefallen? Dann könnten THE DROWNS the next big thing sein.


CHARGER: WATCH YOUR BACK 7“ (Pirates Press)
Nein, kein Cover-Song von COCK SPARRER, das ist nach den ersten Riffs Klar. Aber die Flamme der Amis lodert auch auf dieser einseitig bespielten 7“ in England. Klingt wieder wie Lemmy in Bestform, mit einem Funken mehr Punk-Attitude. Ein wahres Schlachtschiff – allerdings nur ein 1-Master, denn die Rückseite der Platte ist „nur“ bedruckt. Wie schon an anderen Stellen erwähnt – ganz starke Band um RANCID-Mann Tim Armstrong, der hier mit 2 Kollegen dem Vintage-Rock huldigt. Als hätte Sid Vicious dem Lemmy etwas am Bass gezeigt und noch umgekehrt. Legends!


KAUFKRAFT: ROTZPOP (MT Undertainment)
Da ist einer von OXYMORON dabei, aber das spielt hier keine Rolle, denn KAUFKRAFT klingen a) völlig anders und b) bedarf es keinerlei Namedroppings, denn KAUFKRAFT sind kräftig genug. Geschrubbter Punk-Sound mit Rotz in der Frisur und Kaugummi hinterm Ohr. Die Sängerin haut die Texte auf Deutsch ins Gemenge, das hat sie drauf. Klingt so fies, wie wenn sich in einem Hinterhof 77 Kellerratten auf einmal im Sack verbeissen. Das kann schon brennen. Kommt alles sehr jugendlich und frisch rüber, die Belegschaft gehört allerdings  alterstechnisch bestimmt schon zur Kategorie „Darmspiegelung - mindestens alle 5 Jahre“. Das ist der passgenaue Zugang – einfach straight ins Vergnügen. So funktioniert dieses Album. As(s) Punk as Punk should sound! Erfreuliche Randnotiz: dass hier „Empty“ mal wieder auf dem Backcover auftaucht.
 


THE DROWNS "Hold fast" (PIRATES PRESS)
Form schlägt Inhalt, Optik dominiert Beat: Die erste 12" von THE DROWNS, einem munteren Trio aus Seattle,Washington, punktet vor allem optisch bzw. haptisch. Dr. Honigtau Bunsenbrenner im PIRATES PRESS-Labor hat einen neuen Vinyl-Zwitter aus der Retorte gebeamt: Eine Vinyl-Scheibe in Picture Disc-Optik, digital auf der blank Side bedruckt. Sieht, mit dem aufgedruckten DROWNS-Logo also wie eine Picture Disc aus, klingt aber deutlich besser (der ewige Kritikpunkt an Picture Vinyl). Gab es so wohl noch nie, sieht sehr hübsch aus. Sinn oder Unsinn? Sei dahingestellt. Musik gibt es natürlich auch, die fällt etwas hinter dem technischen Novum zurück: Sehr entspannt-relaxter Punk Rock im melodiös-abgebremsten Midtempo-Bereich, britisch beeinflußt. THE DROWNS erinnern hier an eine leicht weichgespülte Version der NEWTOWN NEUROTICS, nicht zwingend, aber hintergründig. Beide Songs stammen vom zweiten Album der Band, welches für Anfang 2020 angekündigt wurde und "Under tension" betitelt ist. Daher ist die 12" mehr ein optisch-schnuckeliges Collector Item (limitiert auf 500 Stück) und in erster Linie Lehrstück in Materialkunde und Vinyl-Wissenschaft.


TERRITORIES Quit this city 7" (PIRATES PRESS)
2-Song 7” der TERRITORIES aus Calgary, Canada. Die Kapelle hat in den letzten Jahren einen erstaunlichen Output vorgelegt, überwiegend auf kuriosen Gimmick-Formaten wie einseitig bespielten Flexi Disks im 7“ (11 Stück in einem Jahr!) und 5“ Format. Immer wenn im Hause PPR ein neues Format oder Material getestet wurde, gab es eine neue TERRITORIES-Veröffentlichung. Könnte man denken, sieht zumindest so aus: THE FLEXITORIES, die Lieblinge der hauseigenen Forschungs-Abteilung. Keep it soft, flex your 7"! 2018wurde allerdings auch ein reguläres Album auf solidem Vinyl veröffentlicht, ein s/t Longplayer mit 12 Songs auf diversen Vinyl-Farben und mit sämtlichen Flexis als beigelegtem Bonus. Die zwei Songs auf der neuen 7“ (die erste 7“ auf handfestem Material) passen perfekt zur Jahreszeit, sind zwei sehr entspannte Herbst-Hymnen: Relaxter 70’s Punk ROCK mit SPARRER, SLF und SOCIAL-D.-Sympathien, die TERRITORIES haben sich die besten Bausteine aus dem Fundus gegriffen. Ruhig und kraftvoll zugleich, die Band beherrscht ihr Handwerk, ist bemerkenswert professionell unterwegs. Klingt wie souverän aus dem Handgelenk geschüttelt.1000er Pressung auf milchig-transparentem Vinyl.


THE OBSESSIONS: Demotape
Amerikanisierter Punkrock, hergestellt in Wien. Gegründet von ein paar Routine-Punkrockern mit ausführlichem Lebenslauf. Hier werden einige Sub-Genres der ansprechenden Undergroundszene hörbar gut vereint. Sehr fähiger Sänger, sehr knackige Beats – in der Gesamtnote absolut ansprechend. Auch das Drumherum passt – ein Demo in Oldschool-Manier mit 5 Songs, angebrachte Aufnahmequalität. Auf der B-Seite der Kassette gibt´s das ganze Programm noch einmal. Das erspart einem das Zurückspulen der Kassette. Nachhaltiger könnte Punkrock nicht sein.


POPPERKLOPPER: ALLES WIRD WUT (Aggressive Punkproduktionen)
Im Gegensatz zu „Es ist Beit“ von der anderen Fraktion handelt es sich bei „Alles wird Wut“ offensichtlich um keinen Schreibfehler im Titel. Das zeugt schon mal von mehr Intelligenz, der Name POPPERKLOPPER ist ein brauchbarer Hinweis, wann die Band aus Trier ihren Ursprung hatte. Das Trio hat die goldenen Zeiten des Deutsch-Punks hautnah miterlebt und in vielen Kreisen auch aktiv gestaltet. „Alles wird Wut“ ist eine weitere Fortführung von dem, wofür man die Band kennt. Dass sie ihr Können ohne Scheu zur Schau stellen, spricht für die Band – keine peinliche „ältere Männer zwängen sich nochmal in die Lederjacke“-Anstalten. POPPERKLOPPER sind nach wie vor gut unterwegs mit ihrem überwiegend deutsch gesungenen Punk, der sehr locker in den Beinen ist. Textlich gibt es viele Themen, mit Kritik an bekannten Missständen wird nicht gespart. Man versteht nicht nur das, was da gesungen wird – man kann es auch nachvollziehen. Gut, wenn eine Band immer noch was zu sagen hat und den dazu passenden Sound abliefert.


THE DIVIDED: THE WORLD YOU`RE LIVING IN (Contra Records, Hostage Records)
Keine Diskussion – jetzt schon ein Album für die Ewigkeit. Die Aufnahmen wurden mir ca. 3 Wochen vor dem Release zugänglich gemacht – und selbst nach geschätzten 20 Durchläufen machen sich keine Abstriche bemerkbar. Darauf haben viele gewartet und die Erwartungen werden exakt 10-fach übertroffen. Knochenhart-geiler Stoff, der neuen Orange County Combo mit bekannten Gesichtern. Kaum in Worten zu beschreiben, was diese Herren da in Sachen Punk-Rock eingehämmert haben. Der Gesang von Raybo ist endlich wieder in neuem Gewand und altem Stil zu hören. Raymond Vogelman der one & only Soul-Singer des Punkrocks! Unverkennbares Echtheits-Zertifikat in jeder Hinsicht: musikalisch, textlich und somit lebensphilophisch genau das, was große Freude bereitet. Besonders markant auch die Tatsache, dass die amerikanische Pressung bei Hostage Records erschienen ist. Somit wäre ein weiterer Back-to-the-roots-Faktor erfüllt. Einerseits ein Debut-Album, andererseits eine logische Fortführung von Scheidungskindern, die es bekanntlich ohne Rücksicht auf Verluste doppelt krachen lassen. Schon bei den ersten Akkorden ist klar, dass wir es hier nicht mit der Opferrolle zu tun haben. Kann man bedenkenlos im Regal neben BONECRUSHER einreihen. Eine Split wäre übrigens ein gelungener Streich! THE DIVIDED geben alles, was man abseits von Mainstream-Punk braucht. Bleibt zu hoffen, dass diese Formation beständig bleibt und noch mehr solche Kaliber fabriziert.


THE RESTARTS: Uprising (Pirates Press Records)
THE RESTARTS mit Album # 6 auf PIRATES PRESS. Besser denn je. „Uprising“ knüpft an alte Größe ("Frustration" 7"!) an, „Sänger“ Kieran (der letzte Überlebende vom Original Line-up) keift noch immer wie Else Kling und Wattie zu ihren besten Zeiten. Der Mann hat ordentlich Wut im Bauch! Passt auch exakt zu den behandelten Themen: Palästina-Konflikt, Homophobie, Brexit, Gentrification etc. Brachiales Update vom 1984er DISCHARGE/EXPLOITED/SUBHUMANS-Sound, Nietenbesetzer PunkCore im "No tolerance"-Modus. Zwischenzeitlich werden auch einige Ska-Parts eingestreut, allerdings verscheucht Kieran’s Schäferhund-Gebell konsequent jedes Karibik-Feeling. Skankin‘ on the Kasernenhof zwischen „Aaaachtung!“ und „wegtreten!”. 12 Songs für die ganz wütenden Momente im Leben.


THE ROYAL HOUNDS – „God bless the Royal Hounds“ MLP (Contra Records)
Es ist wirklich selten geworden, dass man in diesem unserem Musikspektrum überrascht wird, aber ROYAL HOUNDS haben das getan. Und zwar weil sie a) ungewöhnlich UND b) grandios sind. Schwer zu beschreiben, aber die machen Oi! mit einer Wahnsinns-Gitarrenwand plus einem sonoren Gesang, der von der Klangfarbe her an Lemmy erinnert. Die haben was ganz eigenens, was spezielles. Und können riesige Songs schreiben. Alle 7 Tracks auf dieser MLP auf 45rpm sind für sich genommen Hits, aggressiv und mächtig, dabei aber eingängig und griffig.
Auch die Texte sind genre-unüblich, es geht viel um (Liebes-)Beziehungen, manchmal leicht schräg allerdings.
Wir sind begeistert und man kann es nur wiederholen: ROYAL HOUNDS sind anders und offenbar gerade deswegen (und natürlich aufgrund des catchy Songwritings) phantastisch! Aus denen wird was, ein gnadenlos gutes Debut wie dieses muss einfach Türen öffnen. Wenn es denn einen letzten Rest Gerechtigkeit gibt in dieser kranken Welt. Sir Paulchen


RUDE PRIDE / LAZY CLASS Split EP (Contra Records)
Die schon fast abnormale Flut von Split-Singles von vor ein paar Jahren ist ja zum Glück derweil wieder auf ein erträgliches Mass abgeebbt. Spanien und Polen also hier im Rennen, die Madrilenen legen gut vor mit einem starkem Stück melodischen Oi!, das sich nahtlos einreiht in ihr großartiges Schaffen. Dazu die gelungene Version von THE BLOODs „Stark raving normal“, das ist eine hohe Meßlatte.
LAZY CLASS sind augenscheinlich auch keine Skins mehr, das ist dann wohl der „Booze & Glory“ – Effekt. Kommt ja öfter vor. Der Sound aber ist weiter geschmeidig, Streetpunk der gehobenen Qualitätsklasse mit einem eigenwilligen fast hellen Gesang, den ich sehr schätze. Das zweite Stück „Ending fight“ ist ein Cover einer mir bis dato unbekannten Hardcoreband namens TRAGEDY aus Portland / Oregon. Originell und wirklich hervorragend. Ohne Abstriche zu empfehlen, die EP, zumal das Coverartwork obendrein höchst ansprechend ausgefallen ist. Sir Paulchen


SUEDE RAZORS – „The bovver & the glory“ „7“ (Contra Records)
Nachdem GIUDA sich jetzt auf ihrem aktuellen Album “E.V.A.” vom Glamrock hin zum Psychedelic-Rock verabschiedet haben und man von SHANDY bedauerlicherweise nichts mehr hört bleiben ja nicht mehr so viele Bands, die den guten alten 70er-Stampfrock zelebrieren: FAZ WALTZ, HARD WAX und eben die SUEDE RAZORS. Die A-Seite „The bovver & the glory“ ist mal wieder ein verdammter Hit, der eines fernen Tages auf Bovver-Rock-Bootleg-Compilations auftauchen wird. Volle Punktzahl! Mit „Crazy paving“ kommt auf der Rückseite eine Coverversion von der BILLY KARLOFF BAND (von 1978), die vor Kraft nur so strotzt. Wenn schon covern, dann wenigstens nicht immer irgendwelche vollkommen abgenudelte „Ich-kann’s-nicht-mehr-hören“-Nummern. Eben so wie hier. Optisch perfekt verpackt in ein optimal passendes Coverartwork. Super Single! Sir Paulchen
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V/A – We come from a band down under – Aussie Oi! & Streetpunk Vol. 1 LP (Contra Records)
Compilations, die nach geographischen Grenzen zusammengestellt werden bergen die Gefahr, dass es kunterbunt wird und ein roter Faden abhandenkommt. Hier aber ist die Herkunft der Kombos keineswegs die einzige Gemeinsamkeit und alle Vertreter bleiben der Streetpunk- bzw. Oi! – Vorgabe treu. Qualitative Gurken gibt’s keine, dafür ganz, ganz viele Highlights.
Knochentrockenen Oi! der guten Sorte liefern die BLACK RATS, während PLAN OF ATTACK gewohnt aggro unterwegs sind. THE KNOCK BACKS intonieren mitgröhlkompatiblen Streetpunk und THE OPPOSITION gehören mit ihrem Streetpunk mit 77er-Einflüssen und der sehr ausdrucksstarken Sängerin zu den absoluten Gewinnern des Samplers. Ebenfalls einen Killer haben UP THE ANTI mitgebracht, ihr hymnischer Punk der 77er-Machart mit Oi! – Zutaten erinnert an THE CRACK – bärenstark! THE CLINCH sind aktuell eine der besten Newcomer-Bands, 100% mein Ding, rau wie Schirgelpapier, dabei aber butterweich beim Eintritt in die Gehörgänge. Schade, dass ihr Beitrag schon auf ihrem letztes Jahr erschienenen ersten Longplayer war. Lange nichts mehr von RAZORCUT gehört, die können’s aber noch, melodischer Oi! vom feinsten.
Seite 2 startet mit THOSE RAT BASTARDS, der Zweitband von Viktor, den wir von SHANDY kennen. Die spielen knorken Sound zwischen Oi! und Streetpunk und können das auch. RUST hingegen finde ich etwas durchschnittlich, obwohl ihr schnelles Stück beileibe nicht schlecht ist. Vollkommen unbekannt sind noch STOUCH, die hier mit beinhartem Oi!-Punk der schwiegermutterunkompatiblen Sorte aufwarten. Ungehobelt aber durchschlagskräftig! Hierzulande ebenfalls noch ein unbeschriebenes Blatt sind THE GROGANS, die harten aber melodischen (und guten!) Oi! mit Punk-Kante beisteuern. NÖ CLASS haben ja schon bewiesen, dass sie 82er UK-Punk mit der Muttermilch aufgesogen haben. „Black and blue“ hat eine Rock’N’Roll – Schlagseite, die alte ROSE TATTOO / AC/DC – Schule lässt da grüßen. Der Song war aber auch schon auf „Painted in a corner“, ihrem Erstlingswerk. THE ROGUES sind natürlich nicht zu verwechseln mit den Amerikanern gleichen Namens (plus x weiteren Kapellen die so heißen) und sind ebenfalls unterwegs in Sachen „hart aber smart“. Auch BLOODY MINDED als letzte im Bunde können mit melodischem Oi! Sympathien für sich einheimsen.  Selten so einen homogenen Sampler gehört und das auf sehr hohem Niveau. Absolut alle Beiträge sind mindestens „gut“, die meisten sogar „sehr gut“. Das einzige was wirklich stört ist das fehlende Beiblatt mit Infos, Photos, Texten etc.. Wirklich ärgerlich!  Sir Paulchen


STRONGBOW – „Defiance“ LP/CD (Contra Records)
Medial präsent sind sie durchaus, insofern überraschend, dass der letzte Longplayer bereits wieder fünf Jahre zurückliegt. Aber besser sich beim Veröffentlichen dezent zurückzuhalten und damit die Spannung auf hohem Niveau belassen, als auf Gedeih und Verderb jede Note `rauszurotzen und sei sie noch so unausgegoren.
Irgendwelche Überraschungen waren nicht zu erwarten und bleiben auch aus. Damit spielen die Dresdner zu Recht weiter im Streetpunk-Oberhaus, haben aber für meinen Geschmack immer noch den kleinen Wettbewerbsnachteil, dass ihr Gesang nicht so prägnant `rüberkommt, wie bei anderen Mannschaften im Klassement. Andererseits gut, dass STRONGBOW beim Klargesang bleiben und nicht in irgendeine Form von Gegröhle verfallen.
Generell ist die Orgelunterstützung bei Teilen der Stücke sehr bereichernd und erfrischend ausgefallen. Ihre songwriterischen Stärken kulminieren erstaunlicherweise ausgerechnet im abschließenden „To the night“ am allerbesten. Der Song ist zwar eher simpel angelegt, dafür aber unheimlich effektiv.
Das SPRINGSTEEN-Cover „No surrender“ habe ich als solches zunächst gar nicht erkannt, eine sehr gute Wahl, zumal das keine von den todgenudelten Nummern vom „Boss“ ist. Ein Hammer! Und der dritte Höhepunkt nennt sich „Bloodlines“, Ohrwurmgarantie. Insgesamt das erwartet starke Album #5. Sir Paulchen


MIDNIGHT TATTOO – „Trouble bound“ LP/CD (Contra Records)
Da muss ich ausnahmsweise mal Kollege und Mitstreiter Paradise widersprechen: Das Debut der Belgier ist derart simpel gestrickt, dass es in Teilen schon stumpf wirkt. Das Drama beginnt im Grunde mit dem Cover – die drei Musikanten comicartig abgebildet als „gefährliche Troublemaker“. Leider sehen sie aber eher aus wie ein paar Schiffschaukelbremser vom Rummelplatz, gezeichnet vom Volkshochschulkurs „Cartoons für Anfänger“ in Wurzen.
Der erste Song eröffnet mit einem bei EXPLOITED geklauten Basslauf, danach gibt’s eintönigen bis langweiligen Oi!-Punk. Der Drummer scheint kein Meister seines Fachs zu sein, sein limitiertes Spiel klingt allzu oft nach „Uffta-Uffta“ – Einheitsbrei. Währenddessen zupfen Klampfe und Bass zumeist parallel dieselben Akkorde, was der Abwechslung auch nicht eben zuträglich ist. Dass sie es aber mit gutem Willen dann DOCH können beweist „I’ve got your back“, eine passable Midtempo-Nummer, die hier wirklich herausragt. Dann aber wird das Tempo wieder forciert und die oben beschriebenen „Probleme“ greifen erneut. Nichts gegen schlicht und simpel, wir sind hier nicht beim Prog-Rock-Magazin „Eclipsed“, aber ein paar gute Ideen und etwas kompositorische Finesse dürfen es schon sein. Ein zweiter brauchbarer Song ist „Homeward bound“ und auffälligerweise sind ihre besten Momente immer die langsameren Stücke. Davon allerdings gibt’s hier leider nur deren zwei.
„Trouble bound“ ist natürlich keine Vollkatastrophe, wird aber gegen die vielen Könner dieser unserer Zeit nicht anstinken können.
So leid es mir tut: Die schwächste Contra-Produktion seit Ewigkeiten! Die haben Hechti wahrscheinlich mit belgischem Kirschbier gefügig gemacht, anders ist das nicht zu erklären (vermutlich schon vor 5 Jahren, denn da erschien ebenfalls bei Contra die erste Single des Trios aus Antwerpen).
Im Frühjahr sah ich die mitternächtlichen Hautbilder bei einem kleinen Festival in einem niederländischen Kaff namens Ede, da haben sie im Wesentlichen die geschilderten Eindrücke auch live bestätigt. Sir Paulchen