Reviews

VIS VIRES: THE WOLVES 7“ (CONTRA)
Unverhofft kommt oft: VIS VIRES spielen Schachtelteufel und springen aus unerwarteten Schubladen. Von wegen Wolf…Hier versteckt sich ein Bär im Wolfskostüm, statt dem angekündigten Wolfsrudel bricht ein brummiger Meister Petz durch die Hecke. Schön gemütlich im Midtempo-Segment unterwegs, begleitet von einer diensteifrigen Solo-Gitarre und düsteren Riffs voller Nordic/Pagan-Sehnsucht. Klingt bedrohlich nach norwegischer Waldlandschaft und grimmigen Wikingern auf Kreuzfahrt. Statt Walhalla oder Niflheim steht bei VIS VIRES allerdings Los Angeles im Melderegister. VIS VIRES. Kleines Latinum parat? Bedeutet sinngemäß „höhere Kräfte“. Ok…Namedropping hilft auch nur bedingt weiter: Die Band setzt sich aus Perry Hardy (THE TEMPLARS) und BOVVER WONDERLAND/THE HARDKNOCKS-Personal zusammen. Insgesamt ist man vom Feeling aber DEUTLICH näher an LA INQUISICION als an BOVVER WONDERLAND oder den TEMPLARS. 4 düstere Power-Songs über Hexenjagd, Rache, Wölfe und Endzeitstimmung. Wenn die Qualität gehalten wird, wird das Debüt-Album eine Macht. Paradise


THE REAPERS: Rip it up LP (REBELLION)
DISCHARGER. Where are they now? Während der einstige Frontmann sich als HAYMAKER durchs Heu boxt, hat sich auch die restliche DISCHARGER-Belegschaft unter neuem Namen formiert: THE REAPERS. DISCHARGER reloaded? Nicht wirklich. „Rip it up“ hat mit den späteren Werken der Band (beginnend mit dem 2006er Epos „Our hate is justified“) nichts gemein, man verzichtet größtenteils auf dominierende Metal-Einflüsse. Lediglich das (Metal-freie) 2004er Debüt „Born Immortal“ könnte man als grobe Connection bemühen, die ex-DISCHARGER nähern sich wieder ihren Wurzeln.  Ganz grob. Die 14 Tracks gehen stark in Richtung THE CORPS, wenn auch etwas leichtfüßiger unterwegs. Dirty Power (Hard) Street Rock’n’Roll mit schmissigem 70’s Finish, erbosten Antisocial Lyrics und . diversen Einflüssen. „Bankers“ erinnert an STIFF LITTLE FINGERS und frühe DKM, großartiger Song! Und der gute alte Hosenband-Orden mit seinem Motto  „Honi soit qui mal y pense“ darf sich auch an die Brust geheftet werden. Die Grundstimmung ist durchweg grimmig-aggresiv, mit THE REAPERS ist nicht gut Kirschen essen. Eher Kneipen verwüsten. Rip it up! Paradise


THROWOUTS: TAKE A STAND (Laketown Records)
Wenn man die LP von hinten nach vorne hören könnte, könnte man ein übliches Phänomen erkennen: Die letzten Songs auf der Platte sind älter als das eigentliche Album und da merkt man, dass die Band noch mal einen ordentlichen Schub gemacht hat. Vielleicht mag es überraschend klingen, aber die kommen nicht aus den USA, sondern aus Deutschland. Danke, Merkel! THROWOUTS klingen eher wie Proberaum-Buddies von STREET DOGS oder irgendeiner hoffnungsvollen California-Streetpunk-Gang. Zwei Gitarristen ergeben im Fall dieser Gruppe durchaus Sinn, weil sie sorgen für eine schöne Wand – generell ist die Band sauber zusammengespielt. Die hauen dreckigen, aber fähigen Sound aus den Boxen, im interessanten Tempo. Mit THROWOUTS hat die Bundesrepublik wieder ein brauchbares Steinchen in der wackeligen Krone!!!


LIVE BY THE SWORD: Scars of the ages 7“ (REBELLION)
Gleichschritt, Marsch! Die Höllenhunde marschieren wieder, zerbeissen Stacheldraht auf ihrem Weg und machen unsere Welt ein kleines Stück böser. LIVE BY THE SWORD sind vom Stamme „ultra-böse“, haben gelernte Boshaftigkeit aus STRONGARM & THE BULLIES-und RAZORBLADE-Zeiten in der Bandbio, und leben das leidenschaftlich aus. Hier auf einseitig bespielter Flexi mit einer Demo-Version von „Scars of the ages“. Heavyweight Nackenbrecher-Oi! von der finsteren Seite of Life mit Mastino-Vocals und rabiater Entschlossenheit. Nichts für Halbzecher oder Melody-Boys. Paradise


LANDFILL CREW: S/T 7“ (Pirates Press Records)
Da wurde im Vorfeld schon ein guter Hype fabriziert. Immer, wenn Tim Armstrong seine Finger in Bewegung setzt, werden die Höschen rund um den Globus feucht. Die Realität sieht allerdings so aus, dass der gute Tim ständig neue Projekte macht und abgesehen von seiner Tätigkeit bei RANCID sind die Diamanten oft ähnlich geschliffen. So auch bei LANDFILL CREW. Absolut gute Tracks (4 an der Zahl), die allerdings nicht viel anders klingen, als die Dinge, die Armstrong abseits von seiner Stamm-Band treibt. Natürlich ist die Mischung magisch, die da mit Anteilnahme von Anthony Campbell und einem der AGGROLITES ein rotierendes Etwas zwischen punky Reggae und reggay Punk erzeugt. Tim dominiert mit all seinen Charakterzügen, selbst bei „Poets In The Night“ ist die Handschrift unverkennbar – auch wenn da ein Kollege ans Mikro darf. Nichts wirklich Neues, keinesfalls Schlechtes – aber eine Spur mehr Abwechslung wäre langsam willkommen. Vielleicht mal die Grassorte wechseln?


V/A – KLAUS RASTET AUS VOL. 1 CD (Brausebeat)
Ja, der Klaus auf dem Cover macht tatsächlich einen unentspannten Eindruck, vielleicht hilft da Ritalin. Die CD wurde auf DIY-Basis zusammengestellt, um Bands aus Ostdeutschland (Schwerpunkt Raum Magdeburg) ein Forum zu geben, sich Gehör zu verschaffen, wobei innerhalb des Punk-Genres alles erlaubt war. Mir waren nur drei Mitwirkende bekannt (METTE NENSCHEN, DIE ANGST und BOCKWURSCHTBUDE). Naturgemäß finden sich hier allerlei Stile, die – je nach Geschmack des Hörers – mal mehr und mal weniger spannend sind. Persönlich mochte ich den fitten Streetpunk von THE LAMPLIGHTERS, den dezent DACKELBLUT-artigen Sound der ABSTINENZX, den angenehm melodischen Punkrock von ATOMIC SUNRISE und den eher Indie-orientierten Song der ALLEE DER DIKTATOREN. Aber es gibt auch Sachen, die eher weniger zusagen, so z.B. das SOKO DURST – Seitenprojekt HARTMUT UND FREUNDE (wobei der Text wirklich urkomisch ist … ). Totalausfälle, die reflexartiges Weiterzappen erfordern, bleiben aber zum Glück aussen vor.
Wird zum Selbstausbeutungspreis angeboten, das in 1000er – Auflage verlegte Teil.
Wirklich erstaunlich viel Gutes zu entdecken, ich hatte mit tonnenweise Geknüppel und abgehangenem Deutschpunk gerechnet, um ehrlich zu sein. Sir Paulchen


BRAINDANCE – „RAISE YER GLASS“ LP/CD (Contra Records)
Als 1993 die beiden ersten BRAINDANCE-Singles auf dem damals brandneuen “Helen of Oi!” – Label erschienen, war das frischer Wind in einer sich in einer kreativen Sackgasse befindlichen und quantitativ überschaubaren Punk- und Oi! – Szene. Dementsprechend wurden die aufgesogen wie Wasser auf einem trockenen Schwamm in der Wüste. Ich erinnere mich, dass Teile meiner Kumpels die erste Ten-Inch im Jahr darauf vor lauter Begeisterung in allen vier erhältlichen Farben kauften (genau wie die zeitgleich erschienene „10“ von ANOTHER MAN’S POISON, die ich persönlich viel lieber mochte). Die Jungs aus Norwich hatten mit ihrem stark bass-lastigen Streetpunk durchaus so eine Art Alleinstellungsmerkmal, was sie von anderen Kandidaten unterschied. Hastig wurden in der Folge weitere Alben aufgenommen, aber bereits 1996 gingen ihnen bei der „Can of worms“ die Luft bzw. die Ideen aus und die seinerzeit finale `98er „Delusions of Grandeur“ LP habe ich nur noch am Rande wahrgenommen. Das war signifikant für die Zeit, kaum noch aktive Labels, wenig innovative Bands, kulturell und damit musikalisch gab es wenig Betrieb zu vermelden. Fast nichts, was mit den Klassikern der 80er qualitativ auch nur im Ansatz mithalten konnte. Kein Wunder, dass ich damals (verspätet) Bands wie TANK kennen und lieben lernte.
20 Jahre später kommt Sänger Sloss mit einer ansonsten komplett neuen Belegschaft um’s Eck und fordert uns auf, die Gläser zu erheben. Das wollen wir gerne tun, aber die Rahmenbedingungen haben sich seither ziemlich gewandelt: Waren BRAINDANCE Anfang/Mitte der 90er noch (relativ) einsame Streiter, so sind sie heute nur noch eine (Band) von vielen. Und qualitativ gibt’s aktuell reihenweise großartige Acts, mit denen man sich irgendwo messen lassen muss. Nun, diesen bollerig-baß-betonten Sound gibt’s leider nicht mehr, das ist im Ergebnis jetzt nur noch solider Streetpunk geworden und „RAISE YER GLASS“ facettenreich zu nennen wäre glatt gelogen. Seltsam zudem, dass sie sich mit „Dirty Punk“ und „They judge us“ gleich zweimal sozusagen selber covern. Wobei die neuen Versionen nicht signifikant abweichen von denen, die älteren Semestern noch bekannt vorkommen könnten. Ganz nett ist die Idee, das Coverartwork erneut von Richard Matthews besorgen zu lassen, der bereits bei der erwähnten „Can of worms“ tätig war. Allerdings ist das Motiv als solches jeweils ziemlich ähnlich.
Ich fürchte, das einstige Publikum, das BRAINDANCE noch wohlwollend in Erinnerung hat, hat sich längst verflüchtigt und die wenigen Jüngeren von heute können mit dem Namen nicht mehr viel anfangen. Um die für sich zu gewinnen, bedarf es aber stärkerer Songs, als sie „RAISE YER GLASS“ zu bieten vermag. Ein Wort noch zum Sänger: Der hat sich – glaubt man den Fotos – erstaunlich gut gehalten und sein damaliges Stirn-Tattoo (Löwe? Drachen? Ist auf den alten Bildern schlecht/schwer zu erkennen) scheint entfernt. Stimmlich durchaus ganz gut beieinander, wenn auch keine Wunderdinge zu erwarten sind bzw. waren. Ein ganz anständiges Comeback, aber richtig nachhaltig ist das nicht und Bäume werden woanders ausgerissen. Sir Paulchen


TRENCH – s/t „7“ (Contra Records)
Eine Single, wie für mich gemalt: Flotter Streetpunk mit hemmungsloser Oi! – Schlagseite … oder umgekehrt. Filigrane Bassläufe, ein aggressiver Sänger, der ohne ebenso lästiges wie übertriebenes Keifen und Blöken auskommt und Hits wie „Riot“ mit hohem Mitgröhlpotential. Von denen werden wir noch hören, vielleicht mal in Tegelen, da würden die bestens hinpassen. Äußerst galanter Einstand des dänisch-schwedischen Vierers. Und ein einfaches aber effektives Coverbild: Junger angesäuerter Skinhead vor trister Hochhaus-Kulisse. Sir Paulchen


LENNY LASHLEY´S GANG OF ONE: ALL ARE WELCOME (Pirates Press)
Stimmlich hat´s der Lenny schon drauf, ich bin ja auch bekennender Fan von DARKBUSTER, bei Solo-Projekten bin ich immer etwas sensibel. Wenn die bunten Tattoos langsam verblassen, die Barthaare grau werden und die Musik dem Lagerfeuer angepasst wird. Artworktechnisch hat mich das neue Album umgeblasen, die Texte vermisse ich in diesem Fall wirklich. Mit der Scheibe verhält es sich in etwa so wie mit gewöhnungsbedürftigem Gesöff – die ersten 3 Runden waren mühsam und ich hab mir gedacht „wieder ein Punker, der halt einen auf sentimental-seriös macht“ und zackig-rockige Tracks eingespielt hat. Aber plötzlich hat´s dann geschmeckt. Ja, es ist rockig, es ist rollig, aber es hat den Rotz von Punkrock hinter den Ohren kleben. Nicht meine Alltagsmusik, aber aus Solidarität zu den frühen DARKBUSTER-Alben durchaus etwas, was den Mythos um diese Figur aus Boston etwas ergänzt.


LUSTFINGER: ES GIBT NICHTS ZU BEREUEN (Rotz+Wasser, H´Art)
Ein neues Album von LUSTFINGER? Die bayrische Randerscheinung hat im harten Kern der Punkszene meiner Einschätzung nach, die letzten Jahre (Jahrzehnte) nicht mehr soviel Beachtung bekommen. Schlimme Finger würden behaupten, dass die Punkszene aber längst nicht mehr die Toleranz hätte, dass eine Band mit Songs wie „Bitte lieber Staatsanwalt“ ungeschoren davonkommen würde. Szenewechsel – wir schreiben 2019 und der Punk musste noch mehr die Rock weichen. An die TOTEN HOSEN kommen sie nicht heran, anscheinend hatte irgendein Über-Produzent seine Finger im Spiel. Was mich jetzt wenig beeindruckt und somit konform mit dem Gesamteindruck dieser Scheibe geht. Rockmusik mit Durchhalte-Parolen, da gefällt mir die bayrische Lockerheit aus den 80er und 90er Jahren viel mehr. An mancher Stelle kommt der jugendliche Leichtsinn schon noch gut hörbar durch, in Summe dennoch kein Umwurf. Aber schön, wenn LUSTFINGER nichts bereuen, das sei ihnen gegönnt.


OLD FIRM CASUALS: HOLGER DANSKE (Pirates Press/Demons Run Amok)
Historisch betrachtet mag der Namenspatron der neuen LP von Lars und seinen Kollegen an Substanz besitzen. Ich vermute, die Auswahl fiel nicht zufällig auf solch ein Thema. Die OLD FIRM CASUALS haben schon genug Leistung erbracht, um durch ein Coverdesign nicht den Verdacht auf lauwarmen Wikinger-Rock zu erhärten. Machen wir uns nichts vor – die Scheibe ist geil! Vielschichtiger als die Scheiben davor, dennoch ein nachvollziehbares Output und durch und durch druckvoll. Wer bei 12 Songs nur 1 oder maximal 2 Nummern schustert, die sich vielleicht im Durchschnitt bewegen, der hat schon in der Gesamtnote gewonnen. Auf den ersten Blick mag die subkulturelle Relevanz etwas in den Hintergrund gedrängt werden. Aber das täuscht vielleicht auch nur – OLD FIRM CASULAS hauen ein punkiges Streetrock Album um die Ohren, dass den Wikingern der Bart ergraut. Der Polizeikommandant von San Francisco würde sagen: hier waren Profis am Werk! Die Amerikaner schielen aufgrund ihres Frontmanns ein wenig nach Nordeuropa, lassen die Boots aber in den Staaten. Eine wilde Mischung an Einflüssen, unter denen „Holger Danske“ gezeugt wurde. Unbedingt anhören!!!


SARRE LIBRE: DEINE WURZELN (DIY)
Für mich bis dato unbekannte Band, der Trojan-Helm im Bandlogo sorgt gleich für Erleichterung. Wir haben es hier mit keiner 800sten Deutschrock-Band zu tun, die sich bemüßigt fühlt, im angenehmen Bereich der Subkultur zu tümpeln. Oft wird es auch damit argumentiert, dass die Musikanten Shirts von sympathischen Bands tragen. Egal, SARRE LIBRE haben den ersten Qualitätscheck bestanden – das Album selbst finde ich auch überraschend gut. Man merkt, dass intern alles gut klappt, die 4 Jungs haben Spaß am Spiel und hauen sich ordentlich ins Zeug. Sehr brauchbarer Streetpunk/Oi!, der mich stellenweise an eine bestimmte Phase erinnert, wo VOLXSTURM mit VERLORENEN JUNGS fusioniert hätten. Vielleicht nicht ganz so ausgearbeitet, aber die Ansätze sind da. Textlich bewegt man sich eher im Bereich der Durchhalteparolen, aber das meiste wurde ja auch schon gesagt. Gesamt betrachtet, eine starke Scheibe, die Leadgitarre regiert im ausgewogenen Sinnen. Fähiger Sänger, gute Refrains. Besonders der letzte Track auf „Deine Wurzeln“ bestätigt dieses Urteil noch einmal. Hoffentlich finden sie ein anständiges Label, wobei ihnen der DIY-Charakter auch gut steht!!!


JOHNNY ROCKET: „Come a little closer“ LP/CD (WOLVERINE)
„Stell dir vor Johnny und BB treffen sich mit Lemmy und Slash in einer schäbigen Spelunke, betrinken sich und gründen eine Band“. JOHNNY ROCKET setzen auch mit Album # 3 auf die Altvorderen als Referenz. Im Spirit und beim Riff. Hold fast & Co. Alles richtig gemacht. Wennschon dennschon, keine halben Sachen. Die Billy-Sparte lebt von Tradition und Nostalgie, da sollte man das Pferd schon standesgemäß aufzäumen. Wie man in Dodge City und Nashville durch die Zähne pfeifen würde. Gilt auch für Ravensburg. Spielrichtung: Sleazy Rockabilly mit dezenter Punk Attitude/Kante und Country-Spritzern. Die verwendeten Blaupausen reichen von Mike Ness/SOCIAL D. über TIGER ARMY und STRAY CATS zu MAD SIN, ein größerer Eigenanteil ist auf den 13 Songs aber definitiv vorhanden. Rauchige Vocals, fröhlich klappernder Kontrabass, keine süddeutsche Ausrutscher. Der Sänger kann echt was, „Bring it on home“ ist eine große Nummer, da kommt amtlich Soul rüber. Als Gesamtkunstwerk eine höchst angenehm-bekömmliche aka süffige Mixtur, geschmeidiger SOUTHERN COMFORT Americana Style.


TERRY & LOUIE: A THOUSAND GUITARS (Bachelor Records)
Die beiden Mitmischer aus dem Schmelztigel der EXPLODING HEARTS legen endlich ein musikalisches Geständnis in voller Länge ab. Und das Statement fällt vernichtend aus – ich kenne nur eine Single davor, die hatte schon viel versprochen. Eine tatkräftige Explosion von poppigem Punk einer ganz anderen Generation. Der Pop-Punk aus Kalifornien sorgte erst viel späten bei den jungen Leuten für Aufsehen. Die Herren hier sind die Dinosaurier des Movements, gekleidet wie Rocker, denkend wie Punker und überzeugend wie 8 Wochen Sommerferien und jede Menge Riffs in der Schublade. Pubrockiger Punk, die Gitarren werden wie Waffen eingesetzt. Schneidige Sounds, viel Herzlichkeit und Rotz in gelbgrüner Färbung.


THE YOUNG ONES – GREATEST HITS VOL. 2 “10” (Contra Records)
Als die Maastrichter Mitte der Nuller-Jahre auf der Bildfläche auftauchten, war ihr Name wörtlich zu nehmen, die waren so um die 15/16 Jahre alt, legten los wie die Feuerwehr und nervten auf Konzerten und bei Festivals die übrige Bagage mit altklugem Gelaber und frechen bis nervigen Umgangsformen. So war zu hören. Für eine Band, die ziemlich genauso klingt wie die COCKNEY REJECTS eigentlich ziemlich lässig, waren doch – glaubt man der Jeff Turner Biographie und dem „East End Babylon“ – Film – die East Ender damals ebenso alt … und mindestens genauso unangenehm. Das Vergnügen währte auch nur kurz, 2007 war nach einer Split-„7“ dann recht schnell Schluss für die YOUNG ONES.
Zehn Jahre später standen sie dann für viele überraschend wieder mit einer Single auf der Matte, tourten ausgiebig und haben seit Ende 2018 diese neue 6-Track Ten-Inch auf dem Kerbholz. Sehr schön die Verbeugung vor ihren offensichtlichen Helden im und beim Titel und da gehe ich mit den Niederländern d’accord, das zweite REJECTS – Album war tatsächlich NOCH besser als das erste. Zusammengefasst hat man hier das volle Programm, sehr frisch und aerodynamisch, Fußball-Chants und Singalongs mit East-End-Milieu – Stallgeruch am laufenden Band. Ist natürlich zu einem Gutteil Nostalgie und Wunschdenken, spätestens seit dem Umzug von West Ham vom Upton Park ins Olympiastadion, Stichwort Gentrifizierung. Ein absoluter Höhepunkt bei sowieso sehr hoher Qualitätsdichte ist die Verbeugung vor HARRY J. ALLSTARS‘ „Liquidator“!
Fake? Kopie? Scheiß‘ drauf, die klingen rotzfrech und bringen diese Aufmüpfigkeit adäquat in die Rillen. Denn merke: Von den REJECTS lernen heißt siegen lernen! Neben den von mir sehr geschätzten CLOSE COMBAT ein weiterer Top-Act aus Maastricht/NL. Probleme mit mangelndem Selbstvertrauen hatten die Jungs ja noch nie: „Everybody likes us, still don’t care“. In diesem Sinne: Weitermachen!! Sir Paulchen


THE REEKYS: S/T (Bachelor Records)
Heiße 13 Jahre ist sie erst alt, diese Recordingsession von den Münchner RAMONES-Punks. Ein waschechter Teenager, Converse Chucks an den untrainierten Beinen. Ob die Lederjacke vegan ist oder nicht, war damals noch nicht so von Bedeutung. Party, Melodie und Rein-Raus bzw. Auf & Ab-Punkrock. Herzensbrecher-Rebellion mit der besten Kaugummisorte in der Backe. 14 riesige Blasen, die immer kurz vorm Platzen stehen. Bayrische 1-2-3-4 Gemütlichkeit.


TOPNOVIL – OUT OF ORDER LP/CD (Contra Records)
Die Australier scheint jeder zu mögen, die Rezensionen sind durchweg positiv. Und auch mir fällt nichts wirklich kritikwürdiges ein, und doch kann „Out of order“ mich nur teilweise begeistern. Die haben Power, Tempo, durchaus Melodien … aber zumindest bei den Songs auf Seite 1 bleibt wenig hängen. Möglich, dass es am durchgängig weit durchgedrückten Gaspedal liegt, denn selbst ein Song mit folkiger Grundstruktur („Nadine“) wird im Intercity-Tempo durchgewemmst. Da fehlt es an Spannungsbögen, das klingt weithin einförmig. Erstaunlicherweise wendet sich auf Seite 2 nicht nur die LP, sondern auch das Grundmuster, hier finden sich in der Geschwindigkeit reduzierte Tunes, die aber mehr Tiefgang haben und dementsprechend wiedererkennbar sind. Darunter auch das Lion’s Law – Cover „Lionheart“. Keine Ahnung, ob das konzeptionell so geplant oder purer Zufall war, aber die Scheibe hat buchstäblich zwei Seiten, von denen mir die weniger hektische besser gefällt. Ob das reicht, um die Scheibe in zwanzig Jahren noch voller Vorfreude aus dem Regal zu ziehen … ? Sir Paulchen


THE GYMSHORTS: KNOCK KNOCK (Bachelor Records)
Ziemlich coole Ami-Punkband mit einer Sängerin, die´s mir ziemlich schnell angetan hat. Klingt wie die jüngere Schwester von Suzie Quatro, Jahrgang ´77. Umzingelt von ein paar Burschen, die einfach „ready to go“ sind und vielleicht mal einen Sommer auf dem Surfbrett verbracht haben. Erfrischend-dreckige Punk-Sounds, stimmig und kompakt. Ein Mauerblümchen ist die Frau am Mikro bestimmt nicht. Und wenn schon, dann an einer Mauer, auf der eine klare Ansage gesprayt ist. Sowas wie „Knock Knock – Fuck Off“. In Pink gehalten, mit fetten, schwarzen Outlines. Echt gute Platte!!!


LOKALMATADORE – ARME ARMEE LP (Teenage Rebel Records)
Heilige Mutter Gottes, unfassbare 26 Jahre sind ins Land gegangen, seit die LP seinerzeit den Mülheimern ihren Durchbruch bescherte. War 1991 „Ein Leben für die Ärmsten“ zunächst noch ein bisschen untergegangen, blieb im Jahr darauf kein Auge trocken angesichts durchschlagender Hymnen, wie sie hier der als Musikgruppe getarnte S04-Fanclub am laufenden Meter abliefert. Da gibt es eine Ode an den Suff („König Alkohol“), Hinweise zur perfekten Körperhaltung („Geh wie ein Proll“) und Tipps zur sinnvollen Gestaltung der Zukunft („Bring Dich um“). Weiterhin erfahren wir Wissenswertes über Sado-Maso-Sex („Philosophie der Liebe“) und bekommen Tricks zur Bewerkstelligung eines kostengünstigen Kneipen-Abends an die Hand („Ich trink Dein Bier“). Außerdem geht es um bedrohliche Horror-Szenarien für männliche Genitalien („Schuhkarton“), die Anbahnung sexueller Kontakte („Bist Du sauer“) und ungute Erfahrungen im Freudenhaus („Tango im Bordell“). Es werden also quasi alle essentiellen Lebensbereiche abgedeckt, was in Kombination mit den schmissigen und gelegentlich Ska-infizierten Punkrock-Hits zu einem unzweifelhaften Evergreen-Status führte. Erwähnt sei neben dem herrlichen Ramones-Cover „Einer ist immer der Arsch“ natürlich auch noch die Verlierer-Hymne „Ich bin dumm“, die zu Recht in das kollektive Musikgedächtnis der Szene eingegangen ist (ähnlich wie Karl Dall’s „Heute schütte ich mich zu“ .. ). Das ist ungelogen rein formal auf Wilhelm-Busch-Niveau!
Dieses echte Kleinod hat das seinerzeit schon federführende Teenage Rebel Records – Label nunmehr im neuen Coverartwork neu aufgelegt, soundmäßig frisch aufpoliert, mit einem fetten Coverkarton versehen und garniert mit einem großem Inlay, auf dem neben den Texten auch die teils köstlichen Plattenkritiken in der Fanzinepresse von damals (anno 1992) abgedruckt sind. Und dazu gibt’s ziemlich schweres (180gr ?) Vinyl, sehr wertig. Für Prolls mit Anstand, Würde und Stil (die wir ja irgendwie alle sind oder zu sein glauben) ein absolutes Muss im Plattenschrank, gar keine Frage. Sir Paulchenchon mindestens ein Dutzend mal ….Sir Paulchen


YELLOW CAP – TOO FUCKED TO GO CD (Pork Pie)
Oh, eine neue Busters? Mitnichten, hier kommt die neue Scheibe der Görlitzer YELLOW CAP, die ich – ich gestehe – bislang nur über das „Ska im Transit“ – Buch wahrgenommen habe. Und da gibt Sänger Kay zu Protokoll, dass in seinen und ihren Anfängen vor ziemlich genau 20 Jahren Bands wie NO SPORTS und BUSTERS für sie stilbildend waren. Das hört man an allen Ecken und Enden, wir haben es hier quasi mit prototypischem 3rd-Wave-Ska zu tun, wie er Ende der 80er bzw. zu Beginn der 90er hierzulande gepflegt wurde. Und trotz erkennbarer zusätzlicher Einflüsse ist das das Problem der CD: Mir ist der überbordend hohe „Gute-Laune“-Faktor irgendwie zuviel, das Ganze ist eher gerichtet an ein buntes Festival-Publikum, das auf Teufel-komm-raus gewillt ist zu tanzen (Schlapp-Iro neben Jack-Wolfskin-Hippie) und weniger an eine leicht elitäre Liebhaber-Crowd bestehend aus Platten sammelnden Rude Boys, deren Helden die ETHIOPIANS; die TENNORS oder die PARAGONS sind.
Zwar handwerklich wirklich gut gemacht, mir aber zu „dufte“, nicht meine Tasse Tee. Sir Paulchen


NAPOLEON SOLO – OPEN CHANNEL CD (Pork Pie)
Die Dänen waren während der 3rd-Ska-Wave bereits Teilnehmer bei den frühen UK-Festivals, was in einem Deal bei Unicorn Records mündete, einem der damals führenden Labels für diese Spielart. Das ergab eine gutklassige MLP („How to steal the world“). Ihr stark soul-beeinflusster Stil wurde dann auf dem ersten und gleichzeitig auch letzten Album „Shot!“ noch weiter ausgebaut, die MLP aber war besser weil griffiger. 2017 kam eine „Early recordings“ MLP auf den Markt, die bis dahin unveröffentlichtes aus ihrer Frühphase 1984/85 enthält. Seinerzeit noch ohne Soul-Einfluss, haben die Stücke im „Check“ nicht vollumfänglich überzeugen können, leider. Jetzt also eine Re-Union in Originalbesetzung, was bei einer vielköpfigen Ska-Band nahezu an ein Wunder grenzt, sind die Herren doch allemal Anfang 50. Viel geändert hat sich tatsächlich nicht, das Oktett lässt sich zum Glück nicht unnötig treiben und groovt sich durch 15 gleichermaßen entspannte wie durchaus mit einem gewissen Drive ausgestatteten Tunes, bei denen dieses Soul-Feeling latent stets mitschwingt. Schöne Orgel, gute Bläser, das ist weit weg von einer Sensation, kann aber was. Defintiv die charmante(re) Seite der 3rd-Wave, der sie im Ergebnis weiterhin verhaftet sind. Sir Paulchen

 


GROLSCHBUSTERS: PLAY IT LOUD (DIY)
Am Arsch ist die Ente fett…Sind die ersten Songs auf „Play it loud“ noch schwer Celtic-geschädigt (speziell „We are the Boys“ hat eine massive Boston/STREET DOGS-Note), wendet sich nach ca. der Hälfte des Albums das Blatt: Die GROLSCHBUSTERS  aus Hengelo klappern relaxt mit den Schubladen, richten sich im 80er Midwest Punk Rock-Segment ein. Späte ARTICLES OF FAITH, NAKED RAYGUN & Co. Das Folk Flair bleibt charmant am Ball, bedingt schon durch das partiell mitspielende Akkordeon. Keine Langeweile aufkommen lasssen…Zwischendrin wird auch mal robust aufs Gas getreten, das Tempo in den Modus „flott“ geschraubt. Handwerklich sehr gekonnt aufspielend, es wird durchweg höchst solide Arbeit abgeliefert. Kein Wunder: Die Band ist seit 28 Jahren unterwegs, da sollte man sein Instrument beherrschen. 13 Songs befinden sich auf „Play it loud“, eine gelungene Abschiedsvorstellung.
Paradise

 


PERKELE: LEADERS OF TOMORROW (SPIRIT OF THE STREETS)
PERKELE Fans müssen sehr tapfer sein. Oder tolerant. Oder beides. Auf „Leaders of tomorrow“ erfindet sich die Band neu, bzw. lebt alte private Vorlieben schamlos aus. Metal is the law! PERKELE goes MANOWAR? Nicht ganz, aber der Promo-Zettel deutet es schon zaghaft an: „Alle zehn Songs sind auf Englisch und von Punk bis Heavy breit gefächert“. Der Opener „The Winner“ läßt keine Fragen offen: Mächtige METALLICA-Riffs blasen zwischenzeitlich zum Sturm, Ron tiriliert in den höchsten Tönen, läßt ausgiebig virtuose Metal-Soli durch die Finger flitzen, die Drums setzen auf Stampede. Der Titelsong, Nummer 4 in der Playlist, ist ein grimmig-düsterer Nackenbrecher, galoppiert fast schon im Pagan Metal-Segment  durch die nordische Finsternis. Aber: Die PERKELE-Trademarks, großartiges Songwriting und epochale Singalongs („Miss u“ besänftigt als gefühlvolles Epos sicher auch die alte Fangemeinde), werden als Basis sehr präsent eingebunden, auch Album # 8 bleibt ein PERKELE-Album. Ab der Mitte rudert man sogar auch etwas zurück: „One day“ und „Far away“ atmen den alten Spirit, schlagen die Brücke zu den (erwarteten) PERKELE von einst. Ohne Gefrickel und Soli vollständig auszublenden. Warum auch? „Mistakes“ gibt dann erneut der Solo-Gitarre ordentlich Futter, Joey DeMaio könnte übernehmen, übergangslos einsteigen. „Stand by you“, das Schlusslicht, wird vermutlich künftig einer dieser unschlagbaren Live-Klassiker im PERKELE-Set. Ohwurm ist noch stark untertrieben. Episch ergreifend! Nach SUBCULTURE haben nun auch PERKELE die ausgelatschten Oi! Pfade verlassen. Sind näher an MANOWAR, MAIDEN und ACCEPT als an SEX PISTOLS, CLASH oder UPSTARTS. 2018 auch komplett überflüßig. Deshalb: Scheiß auf Zielgruppe und Erwartungshaltung, konsequent sein eigenes Ding durchziehen ist der Neue Punk. Respekt! Ohne Wenn und Aber: Ein GROSSARTIGES Album.
Paradise

 


CITY CAINTS: PA SVENSKA (Sunny Bastards)
CITY Goes Landessprache! 12 CITY SAINTS-Hymnen auf schwedisch vorgetragen. Rock’n’Roll funktioniert auf englisch traditionell besser, Oi! irgendwie auch. Theoretisch und strategisch. Die Göteborger sind auf Risiko gegangen, sind mit diesem Album absichtlich in den Gegenverkehr gekommen: Von „zu glatt“, „zu Mainstream“ in die Kritik-Fahrbahn „Zu speziell“, „zu exotisch“ gewechselt. Alles richtig gemacht. Die Band erspieltt sich mit diesem Album ein geschärftes Profil, endlich die eigene Note und im Heimatland hoffentlich mehr Zuspruch. Durch besseres Verständnis. Das angestrebte 70er Feeling hat ebenfalls einen Turbo bekommen, einige Songs könnte man problemlos auf „Bloodstains across Sweden 2“ packen. Zwischen ATTENTAT, GÖTEBORG SOUND und TROUBLEMAKERS. Paradise