Reviews

PLEASURE TRAP: All-Nighter LP (Contra Records)
Trotzdem es eines unserer Nachbarländer ist, wissen wir verhältnismässig wenig über die polnische Szene. Bekanntere Bands von dort wie POLSKA, REZYSTENCJA oder RAMZES & THE HOOLIGANS zeichnen sich tendenziell im Mittel durch einen eher schroffen Sound aus, vielleicht auch bedingt durch die für unsere Ohren recht hart klingende Sprache. PLEASURE TRAP sind da ganz anders unterwegs: Mal abgesehen davon, dass sie die englische Sprache benutzen, haben sie sich einer offenen Herangehensweise verschrieben. Das macht die Beschreibung nicht eben leicht: Anteile von Punk, Powerpop/Modpunk, Ska/Reggae, hier und da auch Skapunk … . Vielleicht entfernt vergleichbar mit den CLASH zu „London Calling“ – Zeiten. Mit viel spielerischer Leichtigkeit zelebrieren die drei Warschauer eine gewisse Vielfalt inklusive Orgel und Bläser, kommen dabei aber durchaus zum Punkt. Für eine Band, die ihre Wurzeln sowohl in der Punk-, als auch in der Skinheadszene verortet, ist der Sound auf „All-Nighter“ wirklich ungewöhnlich. Politisch scheint sich Polen aktuell rückwärts zu orientieren, PLEASURE TRAP hingegen beschreiten eher offene und freigeistige Wege. Aber wie gesagt: Genau deshalb auch nicht einfach zu definieren. Anspieltipp: „Sometimes“, erstaunlicherweise das letzte Stück auf der LP. Schönes Gatefold-Sleeve übrigens, bei der man nicht wie gewohnt die Platte rechts herauszieht, sondern innen links (wie früher bei Alben aus den 70ern). Sir Paulchen

 


FACELESS OFFENDERS: We don’t pose EP
Leider liegen die Texte bei diesem 4-Track – Brett nicht dabei, wir hegen nämlich den Verdacht, dass der Hard-hitting-Oi! der Crew nicht so ganz ernst gemeint ist. Vielleicht so in etwa wie bei Hard Skin. Das fängt schon bei dem unterirdischen Cover an, bei dem so manches Detail auf eine Persiflage hindeutet. Auch das „leicht“ parolenhafte Phrasengedresche ist (hoffentlich) nicht wirklich so gemeint. Aber der Sound ist – davon abgesehen – der totale Oi!-Ripper: Vier mächtige Hammer klopfen Dir auf die Glatze und diese Ohrwürmer trägst Du fortan mit Dir durch’s Leben. Wie gesagt, wäre interessant zu erfahren, wie die drauf sind, die EP jedenfalls ist ein 9-Punkte – Reißer. Sehr ulkig: Das Rock-O-Rama Fake-Logo mit der Aufschrift „Ronny-O-Rama“ (Ronny Hecht ist Betreiber von Contra-Records)! Das ist die Art Humor, die ich liebe. Ziemlich sicher, dass FACELESS OFFENDERS auch schwer mit Schalk im Nacken unterwegs sind. Top – US-Oi! Sir Paulchen


CRIM: Sense excuses EP (Contra Records, Pirates Press Records)
Auch die konnten wir unlängst in Essen bewundern: Ein Fest! Denn die Katalanen haben Tonnen von Songs im Portfolio, die die Älteren unter uns erfreulich an LEATHERFACE erinnern. LEATHERFACE? Jawohl, großartige Band aus Sunderland mit ebenso hochmelodischen wie brachialen Songs (was diese „Gitarrenwand“ angeht) und einer Reibeisenröhre, die trotzdem die Melodie zu führen vermag. Neben den beiden grandiosen eigenen Songs adaptiert das Quartett auf der B-Seite ein Stück der aus meiner Sicht chronisch überbewerteten TURBONEGRO („Prince of the rodeo“) und „Watch your back“ von dieser unbekannten englischen Band, deren Name mir partout nicht einfallen will. Sir Paulchen


FAZ WALTZ: Double Decker LP (Contra Records)
Faz La Rocca, seines Zeichens Sänger, Gitarrist, alleiniger Komponist, Texter und Produzent bei FAZ WALTZ hat wieder zur Zeitreise geladen: Mehr 70er geht in 2018 eigentlich kaum! Schwer, die Zutaten beim Glam zu erklären: Rock’N’Roll, Rhythm & Blues, ein Schuss Hardrock und ganz viel Boogie-Stampf – Mitklatsch und –gröhl – Faktor. Oder so ähnlich. Jedenfalls toll, vorausgesetzt man hat ein gewisses Faible für den Sound der 70er. Wenn es um dieses Jahrzehnt geht, denken die meisten von uns unwillkürlich an 1977, die Sex Pistols, die Damned und die Clash…. . In Wahrheit aber waren die 70er , zumindest was die Bedeutung und die Verkaufszahlen anbelangt, die Zeit des Glamrocks, von ABBA und natürlich von Disco. FAZ WALTZ jedenfalls geben auf „Double Decker“ dem Affen erneut Zucker, wer die immer schon mochte wird begeistert sein, alle anderen sollten mal `reinhören, ich finde die ganz, ganz groß! Sir Paulchen


FAZ WALTZ: Julie / I’m bleeding 7“ (Contra Records)
Es ist 19.30 Uhr, wir schreiben irgendeinen Samstag im Juni 1973. Ilja Richter präsentiert im Zweiten Deutschen Fernsehen die „Disco `73“ und nachdem diverse Heulbojen vom Schlage Tony Marshalls ihr Liedgut präsentieren durften und der Showmaster seine müden Sketche darbieten konnte, kommt die neue Sensation aus Italien, die SUZY QUATRO und Co. die Butter vom Brot nimmt, Backfisch-Mädchen kreischen lässt und die pickeligen Jungs sich fragen, wo zum Teufel man solche Schlaghosen herbekommt.Stimmt natürlich nicht, hätte aber sein können. Spätestens seit ich sie live sah (Essen, „Don’t Panic“) habe ich mein Herz an diese Glam-Teenie-Bopper verloren, genauso gut wie GIUDA und besser als SO WHAT. Beide Songs gehören in die Glitter-Stampfrock-Jukebox, die es leider nirgendwo mehr gibt. Sir Paulchen


THE BAR STOOL PREACHERS: Grazie Governo/Warchief/Choose My Friends (Pirates Press Records)
Blut ist dicker als Wasser - auch wenn Labelkopf Eric und Frontmann Tom nur verschwägert sind, wird hier ein enger Familienbann gelebt. Die BAR STOOL PREACHERS haben schon wieder einen neuen Longplayer in der Pipeline und eben dieser wird in Form von den oben angeführten Flexis vorab und gratis beworben. Clevere Strategie, denn spätestens jetzt sollte dem letzten Deppen klar sein, dass die Band um Sohnemann von COCK SPARRER Sänger Colin McFaull noch Größeres vor hat. Und das ist auch absolut in Ordnung, denn die predigenden Barhocker-Jungs ziehen ein sauberes Ding durch. Sie sind schon wieder gewachsen und bauen in ihren Songs viel Spannung auf. Stilistisch ist das sehr schwer in Worte zu fassen, es klingt einfach sehr vereinnahmend, die sind viele Elemente enthalten. Und TJ McFaull macht es ähnlich gerissen wie sein Vater, er trägt die Lieder mit seiner Stimme einfach glaubhaft von Anfang bis zum Schluss. Jetzt schon eine zeitlose Band!